von Uwe Balhorn – veröffentlicht 2012 in „Alte und neue Kunst“,
Periodikum des Vereins für Christliche Kunst e.V. 

Das Haus der Dommusik – (Johannes-Hatzfeld-Haus) – befindet sich im Herzen der Paderborner Altstadt, in unmittelbarer Nähe zum Dom und Paderquellgebiet und beherbergt die Domsingschule. (Bildergalerie weiter unten auf dieser Seite)
Um 1900 erbaut, war es einst als Siechen- und Krankenhaus genutzt worden, bevor es später zum Wohnhaus für zwei Domkapitulare wurde. Lange Zeit beherbergte es zudem die Wohnung des Dompfarrers und das Dompfarramt sowie Räumlichkeiten für den Malteser Hilfsdienst. Nach dessen Umzug nutzte die Dommusik das Gebäude zusammen mit dem Dekanatsbüro und dem Büro der Telefonseelsorge. Nach Fertigstellung des Umbaus wird es nun komplett von der Dommusik genutzt.

Domsingschule Johannes Hatzfeld-Haus an der Dielenpader

Das Haus der Dommusik an der Dielenpader

Die Aufgabe
Das Hatzfeldhaus vor dem Umbau 2009

Das Haus der Dommusik vor dem Umbau 2009

2008 wurde die architektur-werk-stadt BALHORN WEWER KARHOFF aus Paderborn mit dem grundlegenden Umbau, der Sanierung und Erweiterung des Hatzfeld-Hauses zur Dommusikschule beauftragt. Durch die Gründung der Mädchenkantorei und den Bedarf eines Stimmbildungsraums, eines Raums für musikalische Früherziehung, eines kleinen Chorraums, Aufenthalts- und Hausaufgabenraums sowie einer funktionierenden Verwaltung und Archivflächen musste das Raumprogramm der Dommusikschule deutlich erweitert werden. Hinzu kamen höhere Ansprüche an die Akustik und die Gestaltung. Ein weiterer wichtiger Punkt war zudem die Forderung des Brandschutzes nach einem zweiten baulichen Fluchtweg.

Die äußere Gestaltung des Anbaus

Das neue notwendige Treppenhaus ist als Wandscheibe aus weißem Sichtbeton vor die historische Fassade gesetzt worden. Der Zwischenraum wurde als gläserne Fuge erstellt und künstlerisch gestaltet. Ein spannungsvoller Dialog zwischen Alt und Neu ist entstanden. Der Neubau-Giebel nimmt die vorhandenen asymmetrischen Neigungen des Bestand- Giebels auf, die je nach Betrachtungswinkel sofort ins Auge fallen. Vorhandene Natursteinfriese der alten Fassade wurden in schlichter Form als eingelassenes Stahlband an der Sichtbetonfassade fortgeführt. Die Verglasungen des Treppenhauses sind durch den Schrift-Künstler Brody Neuen­schwander gestaltet worden. Hier sind Fragmente der Kirchenmusik kalligraphisch mit sich überlagernden Schriften aus mehreren Jahrhunderten aufgebracht worden. Öffnungen in der Sichtbetonwand wurden aus den Grundriss-Strukturen des Altbaus entwickelt und stellen Sichtbezüge zum historischen Außenraum her. So erlebt man beim Gang durch das Treppenhaus die verschiedensten Blickbeziehungen zum nahgelegenen Dom, zum Paderquellgebiet und zur Stadtbibliothek.

Die Innenräume

Das neue Raumkonzept sieht im Erd­geschoss den Verwaltungsbereich und den Spielraum für die Chor-Kinder vor. Dieser dient den Kindern als Aufenthaltsraum. In einem raumhohen Einbauschrank ist viel Platz für Notenmappen, Spiele und Archiv-Material. Zur Hausaufgabenerledigung steht den Kindern noch die ‚Klause‘ im Untergeschoss des Hatzfeld-Hauses zu Verfügung, die nach den Proben auch als gemütlicher Treffpunkt genutzt wird. Das Treppenhaus im Altbau erlangte mit dem Umbau wieder seinen alten Charme zurück: Es sind Wände entfernt worden, um dem Flur im Erdgeschoss mehr Großzügigkeit und Licht zu geben; Säulen und Mauerwerksbögen sind freigelegt und wieder hergestellt worden. Die historischen Türen im Erdgeschoss wurden erhalten und wieder aufgearbeitet, ebenso der bestehende Jura-Marmorboden.

Das schmiedeeiserne Geländer der Treppe wurde restauriert und mit neuen Glas­brüstungen ergänzt. Im 1. Obergeschoss befinden sich der kleine Übungsraum, der Stimmbildungsraum sowie der Raum für die Früherziehung. Durch den Abbruch einer Wand konnte Platz für den kleinen Übungsraum geschaffen werden. Ein festeingebautes Gesangspodest für 37 Sängerinnen und Sänger bestimmt den schmalgeschnittenen, ­konisch zulaufenden Raum. Dieser wird zusammen mit der rückwärtigen Wand­verkleidung und dem Deckensegel als ‚Klangkörper‘ im Raum aufgefasst. Im ­Deckensegel befinden sich Einbaustrahler zur optimalen Beleuchtung für die Sänger sowie ein umlaufend indirektes Licht.

Grundriss Dachgeschoss

Grundriss Dachgeschoss

Der Raum für die Früherziehung bietet Platz für spielerisches Heranführen an die Musik mit einem großen Klappspiegel an der Wand. Im Dachgeschoss gelangt man ins Herz der Dommusikschule – den großen Übungsraum. Durch den Abbruch der ­Treppenhauswand konnte dieser Raum vergrößert werden. Hier befindet sich ein Gesangspodest für 94 Sänger, welches in seiner gebogenen Form und den Abtreppungen für optimale Blickbeziehungen zum Chorleiter sorgt. Die gesamte Haustechnik ist nicht sichtbar im Proberaum eingebaut. Über die Podestanlage wird Frischluft zu­geführt und im Drempelbereich wieder abgeführt.

Auch schon vor dem Umbau wurde die Akustik in diesem Raum als ausgezeichnet bewertet. Besonders die sägeraue Holzschalung der Dachuntersicht trägt hierzu bei, sodass diese erhalten und nur weiß getüncht wurde. Die indirekte Beleuchtung hinter den neuen Einbauschränken im Drempelbereich und zwischen den Kehlbalken verleiht dem einst dunklen Raum eine neue Großzügig- und Leichtigkeit.

Die Haupttreppe im Neubau verbindet alle Geschosse des Bestands-Gebäudes. In einer leichten Stahlkonstruktion mit Eichenholzstufen ist sie bewusst mit Abstand zu der ehemaligen Außenfassade platziert worden, dessen Natursteinfriese wieder aufgearbeitet wurden. Im Treppenhaus selbst befinden sich im Erdgeschoss und im 1. Obergeschoss abgetrennte Garderobenbereiche sowie im Dachgeschoss ein Verweilbereich mit Holz- Sitzstufen und einem faszinierenden Blick auf die gestalteten Verglasungen sowie in die angrenzende Dompropsteigasse. In der neuen Wandscheibe wurden flächenbündig LED-Stäbe in rhythmischer Anordnung eingelassen, die in den Abendstunden das Treppenhaus illuminieren.

Das Materialkonzept

Durch alle Geschosse zieht sich das Mate­rialkonzept aus hellem Eichenholz, dunkel durchgefärbten MDF-Platten, Stahl­elementen, hellen Wandfarben sowie ­grünen Farbakzenten. Der Altbestand ­wurde behutsam aufgearbeitet, sämtliche neuen Elemente sind mit Rücksicht auf die historische Substanz eingebracht.

Johannes Hatzfeld

Dr. theol. h.c. Msgr. Johannes Hatzfeld (1882–1953), Namens­geber des Hauses, war als ­bedeutsamer Priester, Rektor, geistlicher Schriftsteller und Musiker tätig und ist 1952 zum Ehrenbürger der Stadt Paderborn ­ernannt worden.

Bildergalerie

Die Abbildungen 4 sowie 9 bis 12 stammen von dem nachfolgend genannten Architektenbüro:

Weitere Architekturfotos finden Sie in einem Google Picasa-Album der Firma architektur werk statt Balhorn, Wewer, Karhoff